28. April 2020

Der literarische Mund-Nasen-Schutz

Der literarische Mund-Nasen-Schutz

Unser Newsletter im April

Angesichts der aktuellen Debatten um eine Maskenpflicht beginnen wir unsere Verlagsmitteilungen mit einem Vorschlag: Warum nicht den gesundheitlichen Schutz mit dem bibliophilen Hobby verbinden? Wir empfehlen: der literarische Mund-Nasen-Schutz. Nehmen Sie ein Buch Ihrer Wahl zur Hand und halten Sie es ganz, ganz dicht vor Ihr Gesicht. Beginnen Sie zu lesen. Diese Maske wirkt gegen die Ausbreitung von Langeweile, gegen jegliche Formen der Ablenkung sowie (je nach Textgenre) gegen schlechte Laune. Wer möchte bzw. im Alltag auf den Gebrauch der Hände angewiesen ist, kann sich (dies sei je nach Nackenmuskulatur nur bei kleinformatigen Broschuren empfohlen!) Löcher in den Einband stanzen (keine Sorge: Für den Weg in die ewige Verdammnis der Buch-Hölle bedarf es viel schlimmerer Verbrechen) und Gummibänder für die Befestigung am Kopf anbringen. Diese Trageweise ist ein echter Hingucker (ein Selbstversuch ist im Anhang zu sehen), über Risiken und Nebenwirkungen erkundigen Sie sich bitte bei Ihren örtlichen Buchhandlungen. Disclaimer: Zur Wirksamkeit dieser Methode gab es zum Redaktionsschluss noch keine wissenschaftlichen Belege und wir warnen explizit davor, dass ein öffentliches Tragen der Maske sogar viral gehen könnte!

Weiter geht es mit den neuesten Meldungen aus dem Kadmos-Alltag (falls es so etwas in diesen Tagen gibt):

Vor Kurzem ist die zweite (broschierte) Auflage von Sophie Seemanns »Verschwundene Krankheiten« erschienen. In Ihrem »medizinhistorischen Streifzug« widmet sich die Autorin in 20 Kapiteln der Frage, wann, warum und unter welchen Bedingungen bestimmte Krankheiten verschwunden sind, oder ob es sie möglicherweise gar nicht wirklich gab. Es kommen nicht nur viele bekannte und einige unbekanntere Ärzte und Forscher zu Wort; auch Patient*innen, Angehörige und Pflegende mit ihrem ganz privaten Leiden treten in kurzen, fiktionalen Krankengeschichten, die eng an historische Fallberichte angelehnt sind, auf. Dieser Band, der auf der Shortlist für das Wissenschaftsbuch des Jahres 2020 in Österreich stand, bietet eine mal erschütternde, mal gruselige, mal seltsame und hin und wieder auch zum Schmunzeln anregende Lektüre – und lässt hoffen, dass auch eines Tages das Kapitel über das Coronavirus überwunden sein wird.

Ein weiteres Buch unseres Programms erfährt dieser Tage ein regelrechtes »Revival«: Annette Hinz-Wessels’ Studie über »Das Robert Koch-Institut im Nationalsozialismus« hat sich während der letzten Wochen so oft verkauft, dass wir den Band nachdrucken lassen mussten. Dieser Nachschub ist nun fertig, der Titel wieder lieferbar. Das RKI war zwischen 1933 und 1945 als staatliche Forschungseinrichtung des öffentlichen Gesundheitswesens eng in das nationalsozialistische Gesundheitssystem eingebunden. Das Buch untersucht den personellen und organisatorischen Umbau, den das Institut unter der NS-Diktatur erlebte, und analysiert den Einfluss von NS-Ideologie und Kriegspolitik auf einzelne Forschungs- und Arbeitsfelder. Zugleich wird die Beteiligung von Wissenschaftlern des Robert Koch-Instituts an den nationalsozialistischen Medizinverbrechen umfassend aufgearbeitet. Der Titel wurde durch das Bundesministerium für Gesundheit, die Bundesärztekammer und die Kassenärztliche Bundesvereinigung mit dem Forschungspreis zur Rolle der Ärzteschaft in der Zeit des Nationalsozialismus ausgezeichnet.

Zu unseren letzten Neuerscheinungen zählt der Band »Sprache als Gleichnis. Zwei Kommentare zu Franz Rosenzweig« von Frank Hahn. Im Jahre 1919 hat der Philosoph und Erneuerer des deutschen Judentums Franz Rosenzweig die Arbeit an seinem epochemachenden Werk »Stern der Erlösung« zu einem Abschluss gebracht. Rosenzweig selbst nannte dieses Werk einmal einen »Kommentar ohne Text«. Die beiden hier vorliegenden Essays sind ebenfalls Kommentare – jedoch »mit Text«. Sie führen kommentierend das Buch zu Rosenzweigs Sprachdenken weiter, das der Autor vor einigen Jahren als Kommentar zum »Stern« veröffentlicht hat.

Vor einigen Wochen hatten wir übrigens trotz der ausfallenden Buchmesse einen Grund zum Feiern: Sebastian Gießmanns Buch »Die Verbundenheit der Dinge. Eine Kulturgeschichte der Netze und Netzwerke« wurde von Geisteswissenschaften International für die Übersetzungsförderung ausgewählt. Der Titel wird als »The Connectivity of Things: Network Cultures Since 1832« bei MIT Press erscheinen. Wir freuen uns zusammen mit Herrn Gießmann riesig über diese Auszeichnung. Eine Liste der geförderten Titel finden Sie hier.

Zum Schluss noch ein Tipp: Das nötige Zubehör für die eingangs beschriebene Anleitung gibt es zum Beispiel in unserem Webshop. Stöbern Sie in unserem Gesamtverzeichnis doch einfach mal nach für Sie passende Materialien. Gerne weisen wir auch noch einmal darauf hin, dass das von uns gepackte »Hamster-Paket« weiterhin verfügbar ist. Das Ensemble von sechs Büchern ist für 39,90€ exklusiv über unsere Website bestellbar. Übrigens empfiehlt sich auch der Band »Die große Klammer« von Hans Martin Esser als überaus passende Lektüre zur aktuellen Situation. Wann lohnt es sich schließlich mehr, »eine Theorie der Normalität« zu lesen als in einer akuten Ausnahmesituation?

Bleiben Sie gesund, geben Sie aufeinander acht.

Herzliche Grüße
Ihr Wolfram Burckhardt
und das Team des Kulturverlags Kadmos Berlin