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Britta Lange

Echt. Unecht. Lebensecht.

Menschenbilder im Umlauf

Wer sucht, der findet noch heute in den Depots einiger Museen lebensgroße Menschenfiguren, mit denen um 1900 Angehörige der so genannten »Naturvölker« nachgebildet und dem europäischen Publikum präsentiert wurden. Wer stellte sie vor, wo und warum? Ging es um bloße Volksbelustigung, um politische Propaganda oder um ein lukratives Geschäft? Waren wissenschaftliche Interessen im Spiel? Welche Geschichte verbirgt sich in den Figuren? Während der deutschen Kolonialzeit und darüber hinaus dienten die »Menschenbilder« zu Ausstellungszwecken aller Art. Eine Hamburger Händlerfamilie mit dem sprechenden Namen Umlauff stellte sie her – nach zeitgenössischen wissenschaftlichen Erkenntnissen und den herrschenden ästhetischen Standards der Naturtreue. Das Wirtschaftsunternehmen wies seine Menschenbilder als »lebensecht« aus: Sie sahen echt aus, waren es aber nicht. Von dieser Konstruktion profitierte auch die aufstrebende deutsche Wissenschaft vom Menschen. Anhand von »Völkertypen« begründete die Anthropologie ihre eigene Seriosität – und nicht zuletzt das eigene »Echte« der Deutschen. »Papua«, »Massai«, »Oglala-Sioux«, »Buschmann« und viele andere fanden sich im Figurenrepertoire der Firma Umlauff. Sie produzierte Klischees im doppelten Sinn – kulturelle Klischees des Anderen und technische Klischees für die unbegrenzte Reproduktion identischer Kopien. Effekte von beidem sind bis heute im Umlauf.

Echt. Unecht. Lebensecht.
Juli 2006
308 Seiten, 15 x 23 cm, broschiert,
81 Abbildungen
ISBN 978-3-931659-81-3
  • Info

    Britta Lange

    Britta Lange ist Kunst- und Kulturwissenschaftlerin. Sie war von 2008 bis 2010 Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Wien, wo sie am Institut für Sozialanthropologie ihr Forschungsprojekt »Gefangene Stimmen« verfolgte. Seit 2014 ist sie Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Kulturwissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin, von 2016 bis 2018 war sie Co-Sammlungsleiterin des Lautarchivs der Universität. In ihrer Forschung befasst sie sich mit der Kulturgeschichte des 19. bis 21. Jahrhunderts, der Geschichte und Theorie des frühen Films und früher Tondokumente, Konzepten des Sammelns und Ausstellens, Kulturtechniken sowie mit kolonialen und postkolonialen Konstellationen.

    • Britta Lange  

      Gefangene Stimmen

      Tonaufnahmen von Kriegsgefangenen aus dem Lautarchiv 1915 - 1918

      gebunden, 338 Seiten
      29,80 EUR