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Dirk Baecker

Wozu Gesellschaft?

In den Seminaren von Niklas Luhmann in den 1980er-Jahren spielten Zwergkängurus eine bedeutende Rolle. Sie waren das Paradigma, an dem sich schulen musste, wer von der modernen Gesellschaft etwas verstehen wollte. Ohne erkennbaren Anlass kam es bei den still vor sich hin grasenden Tieren ab und an zu großen Aufregungen und Prügeleien, die sich gefährlich steigerten, bis sich plötzlich wie auf Kommando alle Tiere in eine Reihe setzten und für eine Weile in dieselbe Richtung schauten. Daraufhin beruhigten sich die Tiere und grasten wieder still vor sich hin.
Luhmann fand das grandios. Er erklärte, offensichtlich würden sich die Tiere durch eine Synchronisation ihrer Umweltwahrnehmung unter Ausschluss von Sozialwahrnehmung beruhigen. Alle sehen dasselbe, ein Stück Wiese, ein paar Büsche. Und da alle nebeneinander sitzen, sehen sie sich nicht selbst. Sie schauen sich nicht an und haben deswegen auch keinen Grund mehr, sich aufzuregen.
Wer über Gesellschaft reflektiert, der sieht sich mit einer ähnlichen Beobachtung konfrontiert, nur dass überall und permanent in die unterschiedlichsten Richtungen geguckt wird. Allgegenwärtig ist die Rede von »Zivilgesellschaft« oder »Bürgergesellschaft«, Gesellschaften für XYZ, von Gesellschaftsthemen, -spielen und -zwängen. Doch in je mehr Richtungen geschaut wird, umso mehr trübt sich der Blick. Gesellschaft ist vor allem deswegen schwer zu fassen, weil sie ebenso sehr aufs Große und Ganze verweist wie auf das Hier und Jetzt. Die mitlaufende Beobachtung dessen, was vorher war und nachher sein kann, gerinnt uns zu jener Gesellschaft, die wir dann allerdings schneller subjektivieren und substantialisieren, als es ihrem Sachverhalt, Sozialverhalt und Zeitverhalt entspricht.

»Soziologische Irritationsware mit Qualitätsgarantie.« Harry Nutt, Frankfurter Rundschau

Wozu Gesellschaft?
Oktober 2007
384 Seiten, 12 x 19 cm, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN 978-3-931659-99-8
  • Info

    Dirk Baecker

    Prof. Dr. Dirk Baecker, geboren 1955, Studium der Soziologie und Nationalökonomie in Köln und Paris, Promotion und Habilitation im Fach Soziologie an der Universität Bielefeld, Studienaufenthalte an der Stanford University, Johns Hopkins University, London School of Economics and Political Sciences, Heisenberg-Stipendium der Deutschen Forschungsgemeinschaft, seit 1996 zunächst Reinhard-Mohn-Professor für Unternehmensführung, Wirtschaftsethik und sozialen Wandel, dann Professor für Soziologie an der Universität Witten/Herdecke. 2007 Ernennung Leiter des Lehrstuhls für Kulturtheorie und -analyse der Zeppelin Universität Friedrichshafen. Mitherausgeber der Zeitschrift »Soziale Systeme. Zeitschrift für soziologische Theorie«, Mitbegründer des Center for Management and Consulting am Management Zentrum Witten (2000-2011), Mitherausgeber des Jahrbuchs »Revue für Postheroisches Management« (2007-2012). Außerdem Lehraufträge an den Universitäten in Wien (1995-1997), Basel (2009-2011) und der Ashkal Alwan Lebanese Association for Plastic Arts (November 2012). Lebt in Basel, Schweiz.

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