03.03.2021

Von Eulen und KrakenUnser Newsletter für den Februar

Vor ca. 600 Millionen Jahren lebte der letzte gemeinsame Vorfahr von Menschen und Kraken. Er hat keinen Namen und bleibt uns lediglich als »wurmartiger Glibber« (Patrick Illinger, SZ.de) in Erinnerung. Zwar ist nach so langer Zeit keine optische Ähnlichkeit zu den Kopffüßern mehr vorhanden; wir werden aber das Gefühl nicht los, dass sich ein gewisses Verwandtschaftsverhältnis noch in der Verlagsarbeit niederschlägt. Da wäre die Sache mit den acht Armen. Sie können sich unabhängig voneinander bewegen, verpacken Kalenderbestellungen, während sie gleichzeitig Korrekturen eingeben, Druckaufträge verwalten, Rezensionsexemplare verschicken, Excel-Tabellen bezwingen und nicht zuletzt Kaffee nachschütten. Wussten Sie, dass der Oktopode einen Lieblingsarm hat? Diesen nutzt er zum Twittern und zur Gestaltung höchst kreativer Cover. Im Zentralgehirn werden unterdessen große Ideen gewälzt: die Weltneuheit des (un)poetischen Eulenkalenders und das neue Frühjahrsprogramm. Zwar sind die hyperintelligenten Wesen entfernt mit Schnecken und Muscheln verwandt; eine Ähnlichkeit können wir hier aber nun wirklich nicht erkennen.

Kommen wir zu unseren Neuigkeiten im Februar:Thematischer Pate dieses Newsletters ist das neue Buch von Uwe Lindemann. In »Der Krake. Geschichte und Gegenwart einer politischen Leitmetapher« beschreibt er, wie die Figur des Kraken zu einem Sinnbild der Globalisierung wurde. Der Krake gehört zu den langlebigsten politischen Metaphern der Moderne. Bereits in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts dient er als Symbolfigur für Weltherrschaftsansprüche unterschiedlichster Couleur. Lange bevor der Globalisierungsbegriff geprägt wird, illustriert er wirtschaftliche oder politische Prozesse von Globalisierung. Was macht den Kraken so attraktiv als Metapher? Woran liegt es, dass er immer wieder Verwendung findet, scheinbar unabhängig von nationalen, politischen oder wirtschaftlichen Verhältnissen? Was also macht die enorme Faszination der Metapher aus? Dieser Essay versucht Antworten auf diese Fragen zu geben. Abschließend formuliert er sechs Thesen zu den Bedingungen des modernen Globalisierungsdiskurses.

Des Weiteren ist ganz frisch der dritte Nachdruck von Sophie Seemanns medizinhistorischer Studie »Verschwundene Krankheiten. Ein medizinhistorischer Streifzug« fertig geworden. Sie stellt darin 20 Krankheiten vor und widmet sich der Frage, wann, warum und unter welchen Bedingungen diese verschwunden sind, oder ob es sie möglicherweise gar nicht wirklich gab. Es kommen nicht nur viele bekannte und einige unbekanntere Ärzte und Forscher zu Wort; auch Patienten, Angehörige und Pflegende mit ihrem ganz privaten Leiden treten dem Leser gegenüber in kurzen, fiktionalen Krankengeschichten, die eng an historische Fallberichte angelehnt sind.

Zu guter Letzt freuen wir uns, dass im März die von Verena M. Lepper und Sarah Wessel herausgegebene DVD »Arabisch-Deutsche Geschichten. Arab-German Tales. الحكايات العربية الألمانية« erscheinen wird. Diese ist eine audiovisuelle Sammlung arabischer und deutscher Geschichten. Geschichtenerzähler und Darsteller präsentieren zeitgenössische Geschichten und reflektieren, wie sich ihr Beruf verändert hat. Wissenschaftler diskutieren die Rolle neuer Technologien und des Geschichtenerzählens. Eine Audioguide-Geschichte für Familien zeigt Zusammenhänge zwischen arabischen und deutschen Erzähltraditionen. Alle Titel sind in Deutsch, Englisch und Arabisch verfügbar.

Die Nachricht, dass die Leipziger Buchmesse auch in diesem Jahr ausfallen muss, verlieh dem Februar natürlich einen bitteren Beigeschmack. Noch immer keine Normalität in Sicht, wieder herrscht Enttäuschung darüber, dass wir unsere AutorInnen und ihre Bücher nicht in diesem schönen Rahmen präsentieren können. Dass wir trotz der ungewissen Zukunft alles daran legen, optimistisch zu bleiben, beschrieb der Herr Verleger im Online-Magazin des BuchMarkts. Nachzulesen in der Rubrik »Aus der Werkstatt der Verlage«. Zum Stichwort Normalität legen wir Ihnen an dieser Stelle noch mal das Buch von Hans Martin Esser, »Die große Klammer. Eine Theorie der Normalität«, ans Herz. In seiner »ungefähren Theorie eines unsauberen Autors zu einem unordentlichen Thema« widmet er sich essayistisch der Frage, ob es eine allumfassende Form der Normalität, eine große Klammer, gibt, die in Anspruch nehmen kann, über anderen zu stehen.

Grund zum Optimismus haben wir vor allem beim Blick in unsere neue Frühjahrsvorschau. Blättern Sie doch hier mal in unseren Novitäten (aus u.a. ökologischen Gründen setzen wir seit einiger Zeit ausschließlich auf das digitale Format von VLB-TIX). Wir hoffen, dass die Vielfalt der Themen Ihre Neugier weckt: Es geht neben dem Kraken unter anderem um die Oper, die Krise des Artensterbens, die Smartphone-Fotografie, das ausgestellte Leben und die Geschichte der Lynchfotografie in den USA.

Weitere Titel finden Sie auf www.kulturverlag-kadmos.de, wir wünschen Ihnen viel Freude beim Stöbern in unserem Programm.

Mit herzlichen Grüßen
Ihr Wolfram Burckhardt
und das Team des Kulturverlags Kadmos

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