28. Oktober 2020

Bücher aus dem Untergrund

Unser Newsletter im Oktober

Haben Sie auch das Gefühl, dass in diesen Tagen vieles irgendwie unterirdisch ist? Dass die Zeit mal wieder rasend schnell, auf quietschenden Schienen, mit scheppernden Türen und einen leichten Tunnelmief aufwirbelnd vorüberzieht? Wir jedenfalls schon. Aber Moment…wovon sprechen wir hier eigentlich? Dass das Unterirdische und die Geschwindigkeit keinesfalls nur negativ sein müssen, das beweist Benedikt Tremp in seinem neuen Buch:

Wir freuen uns, dass sein Band »Tod und Leben in der U-Bahn. Literarische Imaginationen des modernen großstädtischen Untergrunds« ab sofort lieferbar ist (das Buch stand auf der Shortlist zum Förderpreis Opus Primum 2020). Diese prachtvoll ausgestattete Neuerscheinung beschäftigt sich auf über 400 reich bebilderten Seiten mit den zahlreichen Facetten eines wichtigen großstädischen Verkehrsmittels: der U-Bahn. Es geht um die Frage, wie sich diese in der modernen Literatur niederschlägt, um Todes-, aber auch um Lebensfantasien. Benedikt Tremp begegnet als Literaturwissenschaftler einerseits dem Untergründigen, der potenziell lebensbedrohlichen Maschinenkraft, den klaustrophobisch engen Platzverhältnissen zur Rushhour und dem großstädtischen Nahverkehr als Ort einer bleiernen alltäglichen Monotonie. Anderseits beobachtet er an den unverkennbar vitalen Charakteristika der U-Bahn auch Lebensfantasien, z.B. an ihrer bloßen Fahrt, mit der sie das allgemeine Stadtleben im Fluss hält. Seine Studie erforscht das reiche Repertoire an Bildern und Geschichten, die Literatur- und Kunstschaffende um die U-Bahn gesponnen haben, und er lässt neben der Berliner auch andere wichtige U-Bahnen wie die Pariser Métro oder die New Yorker Subway in den Fokus rücken. Ein vielseitiger und spannender Lesestoff für alle Schnellbahn-Fans und Pendler*innen. Aber Achtung: Für verpasste Ausstiege, die auf eine allzu fesselnde Lektüre zurückzuführen sind, übernehmen wir keine Haftung!

Unser literaturwissenschaftliches Programm wurde durch den neuen Band der »LiteraturForschung«-Reihe ergänzt. Im Sammelband »Selbstübersetzung als Wissenstransfer«, der von Andreas Keller und Stefan Willer herausgegeben wurde, treffen u.a. Persönlichkeiten wie Martin Luther, August Wilhelm Schlegel, die Gebrüder Humboldt und Heinrich Heine aufeinander. Selbstübersetzungen sind faszinierende Erscheinungsformen mehr- und anderssprachigen Schreibens. Sie bewegen sich an der Grenze zwischen pragmatischem Nutzen und autorschaftlicher Strategie, sie eröffnen die Lizenz zum produktiven Weiterdenken, Umstellen und Fortsetzen des Ausgangstextes. Und oft werfen sie die Frage auf, welche der so entstehenden Versionen das Original und welche die Übersetzung ist. Während bisherige Untersuchungen zum Thema sich meist auf literarische, insbesondere poetische Selbstübersetzungen konzentrierten, nimmt der vorliegende Band dagegen das Moment der Übertragung von Wissen in den Blick – und damit den spannungsvollen Zusammenhang von sprachlichem Transfer und Wissenstransfer.

Des Weiteren ist ab sofort die zweite Auflage von Marie Parakenings’ »Berliner Tieren« erhältlich. Der »kleine Guide für Naturbanausen und Stadtkinder« lädt nun ganz besonders im Herbst noch einmal zum Erkunden und Entdecken der Berliner Fauna ein. Im Buch treten Sangeskünstler, rebellische Weinbergschnecken und architektonisch patente Spatzen auf – vielleicht begegnen Sie ja bei Ihrem nächsten Spaziergang einem der Protagonisten. Die Berliner Rehberge eignen sich z.B. hervorragend zum Beobachten von Waschbärenfamilien. Auch in dieser Neuauflage (für die wir ein paar wenige Ungenauigkeiten bezüglich Flügelspannweiten und Pieps-Dialekten noch ausbessern konnten) zeigen die traumhaften Illustrationen von Marie Parakenings, wie bunt und vielseitig das großstädtische Wildtierleben ist.

Zudem möchten wir noch einen Programmtipp geben: Vom 1.–10. November findet die Berlin Science Week statt, und wir sind Teil des digitalen Programms. Im Format mit dem wunderbaren Titel »Brain & Books«, bei dem sich die Berliner Fach- und Wissenschaftsverlage präsentieren, wird ein Film verfügbar sein, in dem Charlotte Böttjer mit den Autorinnen Linda Hentschel und Britta Lange über ihre Neuerscheinungen spricht. Beide Titel, »Schauen und Strafen. Nach 9/11« und »Gefangene Stimmen«, setzen sich mit prekärem Quellenmaterial auseinander, und es geht in diesem Videogespräch mitunter um die Frage, wie die beiden Kunst- und Kulturwissenschaftlerinnen diesem Material begegnet sind. »Von der Forschung zum Buch« ist zudem ab sofort auf www.brainandbooks.de verfügbar. Schauen Sie doch mal rein!

In diesem Sinne: Pflegen Sie Ihr Brain, lesen Sie Books. Und folgen Sie uns auch auf Instagram, wo wir vor Kurzem die 3.000-Follower-Marke überschritten haben. Dass unsere Mühen, regelmäßig hübsch aufbereitete Bücher zu posten, so gut ankommen, freut uns natürlich riesig. Wir machen gerne weiter, begleiten auch Sie uns auf dem Weg zur Antwort auf die große philosophische Frage: badende Robben? Oder Trampolin hüpfende Elefanten?

Herzliche Grüße
Ihr Wolfram Burckhardt
und das Team des Kulturverlags Kadmos

PS: Zum Schluss noch mal die Geschwindigkeit. Werfen Sie doch heute mal einen Blick auf die Seite 10 der FAZ. Niklas Bender hat dort eine schöne Besprechung von »Berlin bewegt sich schneller, als ich schreibe. Das Neue Berlin aus französischer Sicht« (hg. von Dorothee Risse und Margarete Zimmermann) verfasst.