24. März 2021

Lesenswerte Langohr-Lektüre

Unser Newsletter im März

Hatten wir uns für die Ostertage bislang noch auf kontaktarmen Urlaub im eigenen Bundesland eingestellt (Dösen am Havelstrand, Promenieren in Spandau, Blaumeisen-Safari im Tiergarten, ein bisschen Schaufenstergucken in Reinickendorf und abends lädt der lauschige Kotti zu einem gepflegten Spätibier ein), ist seit Dienstag klar: Wir bleiben lieber ganz zu Hause. Mit der richtigen Lektüre ist das überhaupt kein Problem. Am Ende unseres Newsletters liefern wir dafür den Beweis. Doch kommen wir zunächst mal zu unseren Neuerscheinungen:

Druckfrisch erschienen ist der zweite Band von Linda Hentschels Studie »Schauen und Strafen«. In »Gegen Lynchen« zieht sie die historischen Linien der Lynchfotografie in den USA zwischen 1880 und 1950 nach und kontextualisiert sie erstmals mit einer visuellen Kulturgeschichte des Melodramas. Die grausame Ermordung von Afroamerikanern im Dienste der sogenannten ›weißen‹ Suprematie, ihre zu Spektakeln herangewachsene Vollstreckung, vor allem aber ihr Festhalten, Vervielfältigen und Zirkulieren auf Fotografien waren keineswegs Nischen vormoderner Zeiten, sondern, so hart dies klingt, ein integraler Bestandteil der visuellen Kultur in den USA des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Durch die Black-Lives-Matter-Proteste ist das Thema der medialen Verbreitung von Bildern rassistisch motivierter Gewalt aktuell stark in den Fokus gerückt, und Linda Hentschels Bücher widmen sich u.a. der Frage, wie solche Bilder zu betrachten sind. Es sind bereits tolle Rezensionen zu den Bänden erschienen. So beschreibt Nina Franz hier auf Soziopolis den ersten Band, »Nach 9/11«, als »erfrischend wenig voraussetzungsvoll«, er eigne sich »ausgezeichnet als Einführung für interessierte Leser*innen, die sich mit einigen der wichtigsten souveränitätskritischen (Bild-)Theorien der jüngeren Vergangenheit vertraut machen möchten«.

Wir freuen uns, dass vor Kurzem die dritte Auflage von Annette Hinz-Wessels’ »Das Robert Koch-Institut im Nationalsozialismus« ausgeliefert wurde. Dieser Verlagsklassiker von 2008 hat im Laufe des letzten Jahres so viel Interesse geerntet, dass er nun durch ein neues Vorwort von Prof. Dr. Volker Hess, dem Leiter des Instituts für Geschichte der Medizin und Ethik in der Medizin an der Charité Berlin, ergänzt wurde. Das RKI war zwischen 1933 und 1945 als staatliche Forschungseinrichtung des öffentlichen Gesundheitswesens eng in das nationalsozialistische Gesundheitssystem eingebunden. Das Buch untersucht den personellen und organisatorischen Umbau, den das Institut unter der NS-Diktatur erlebte, und analysiert den Einfluss von NS-Ideologie und Kriegspolitik auf einzelne Forschungs- und Arbeitsfelder. Zugleich wird die Beteiligung von Wissenschaftlern des Robert Koch-Instituts an den nationalsozialistischen Medizinverbrechen umfassend aufgearbeitet.

Eine weitere Neuerscheinung betrifft den Pionier der Computerkunst Frieder Nake. Im Sammelband »Algorithmen & Zeichen. Beiträge von Frieder Nake zur Gegenwart des Computers«, herausgegeben von Jan Distelmeyer, Sophie Ehrmanntraut und Boris Müller, werden dessen Arbeiten erstmals exemplarisch versammelt. Über sechs Jahrzehnte hat sich Frieder Nake im Spannungsfeld von Informatik, Semiotik, Kunst und Kulturtheorie mit der Gegenwart des Computers auseinandergesetzt: in Sprache und Code, mit Texten und Bildern. Mit diesem Band liegt nicht nur ein lange vermisster Rückblick auf Nakes öffnende Ansätze, provozierende Debattenbeiträge und radikale künstlerische Konsequenzen vor, sondern zugleich demonstriert »Algorithmen & Zeichen«, wie aktuell die hier versammelten und mit Einleitungen der Herausgeber*innen versehenen Arbeiten sind. Für die gegenwärtigen Prozesse der Digitalisierung stellen sich hier grundsätzliche Fragen und zeigen sich überraschende Anschlüsse zu laufenden Debatten.

Des Weiteren ist das neue Buch von Burkhard Meltzer erschienen: »Das ausgestellte Leben. Design in Kunstdiskursen nach den Avantgarden« setzt sich mit dem Zusammenhang von Kunst und Design auseinander. Was heute als Gegenwartskunst bezeichnet wird, ist ohne Design nicht zu denken. Jener avantgardistische Bruch, der sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts von kanonisch definierten Formaten und Gattungen der Kunst verabschiedet, markiert zugleich den Beginn einer fortdauernden Beziehung zum Design. Die einst radikale Geste der Avantgarden, mit jedem beliebigen Material ein Kunstwerk zu behaupten, bildet heute eine Grundlage zeitgenössischer Kunstauffassung. Zugleich thematisieren Künstler*innen mit Hilfe des Designs ein bestimmtes Verhältnis zum Leben – als Befremden, offene Kritik oder in alternativen Entwürfen.

Wie versprochen, legen wir Ihnen zum Schluss noch unsere Lektüretipps für den Osterlockdown ans Herz: Jenen, die in diesen Tagen ganz besonders den Besuch in Kunstausstellungen vermissen, sei der Reader »What’s next? Kunst nach der Krise« von Johannes M. Hedinger und Torsten Meyer (Hg.) empfohlen. Fans von ausgedehnten U-Bahn-Fahrten sei Benedikt Tremps »Tod und Leben in der U-Bahn. Literarische Imaginationen des modernen großstädtischen Untergrund« als literarischer Ersatz nahegelegt. Spaziergänge lassen sich übrigens auch bequem vom Sofa aus machen, und zwar lesend, mit Marie Parakenings’ Tierguides (jetzt neu: die »Hamburger Tiere«). Wer Lust auf einen spannenden Roman hat, sollte unbedingt in Matthias A. K. Zimmermanns technoides Märchen »KRYONIUM. Die Experimente der Erinnerung« hineinschauen. Biografie-Fans bieten wir Ada Lovelace, Charles Babbage und Walt Disney. Gesellige Zerstreuung bietet Marie Parakenings’ Memo-Spiel zu den Großstadttieren. Und wer die Zeit zu Hause gerne mit Podcasts verbringt, sollte mal in die aktuelle Folge von Littéramours reinhören. Diese widmet sich der Anthologie »Berlin bewegt sich schneller, als ich schreibe«, hg. von Dorothee Risse und Margarete Zimmermann. Das schöne Buch versammelt literarische Beschreibungen der Hauptstadt von französischsprachigen Autor*innen und ist übrigens auch ein wunderbarer Begleiter für gedankliche oder tatsächliche Spaziergänge.

Alle Ostergeschenke verschicken wir innerhalb Deutschlands portofrei. Unser Team aus Pakethasen und Briefkaninchen wird sich bemühen, alle Bestellungen, die uns bis zum 29. März erreichen, noch pünktlich zu verschicken.

Wir wünschen Ihnen viel Freude beim Stöbern in unseren Novitäten unter www.kulturverlag-kadmos.de, schauen Sie doch auch mal bei uns auf Instagram und Twitter vorbei.

Herzlich
Ihr Wolfram Burckhardt
und das Team des Kulturverlags Kadmos