30. Juni 2020

»Berlin bewegt sich schneller, als ich schreibe«

»Berlin bewegt sich schneller, als ich schreibe«

Unser Newsletter im Juni

»Berlin bewegt sich schneller, als ich schreibe.« Diese Feststellung der französischen Schriftstellerin Cécile Wajsbrot können wir im Kulturverlag Kadmos nur unterstreichen. Denn in diesen Tagen, da der Sommer in Moabit seine Blüte entfaltet, beklagen wir umso mehr die Schließung unseres liebsten Cafés. Draußen, an der Ecke Bremer Straße und Waldenserstraße, erhielten unter Sonnenschirmen bei einer geballten Ladung Koffein so viele unserer Newsletter ihren finalen Feinschliff, wurden Postschleck-Alpakas erfunden und literarische Mund-Nasen-Schutze entworfen. Was bleibt nun also bestehen, während sich um uns herum die Stadt so gravierend verändert? Richtig: ein beständiger Fluss an spannenden neuen Büchern. Legen wir direkt los:

Das obige Zitat ist dem Titel einer wunderbaren Neuerscheinung über »das Neue Berlin aus französischer Sicht« entnommen. In der Anthologie »Berlin bewegt sich schneller, als ich schreibe« versammeln die Herausgeberinnen Dorothee Risse und Margarete Zimmermann Texte von französischsprachigen Autor*innen, die ihre Eindrücke der Hauptstadt literarisch umschreiben. Verfasst in den letzten 25 Jahren, zeichnen diese Impressionen ein vielschichtiges Bild einer Stadt, die ständig im Wandel ist. Die Beiträge stammen von u.a. Cécile Wajsbrot, Jean-Philippe Toussaint, Marie NDiaye, Patrick Modiano, Hélène Bezençon und Claude Lanzmann und bilden ein zuweilen auch durchaus dissonantes Berlin-Lesebuch, für das die meisten der Texte erstmals ins Deutsche übersetzt wurden.

Bereits im Mai ist der neue Band von Jörn Rüsen erschienen: »Menschsein. Grundlagen, Geschichte und Diskurse des Humanismus« plädiert nachdrücklich gegen alle Versuche, den Menschen aus dem Zentrum des humanwissenschaftlichen Denkens und der kulturellen Orientierung der Gegenwart »post-human« zu entfernen. Das Buch präsentiert den Humanismus in einer umfassenden historischen Perspektive und rückt ihn in eine interkulturelle Dimension ein. Dabei wird er als Impuls für die Kulturwissenschaften lebendig, und zwar als Absicht, sich ihrer zukunftsfähigen geistigen Grundlagen zu versichern.

Eine ganz zentrale Rolle spielt der Mensch, vielmehr noch sein Potenzial, aus Affekten und »zweifelhaften Gemütszuständen« heraus Straftaten zu begehen, auch in dem neu erschienenen Sammelband von Susanne Düwell. Ihr Buch »Verbrechen aus Leidenschaft. Kriminalpsychologische und literarische Verhandlungen von Unzurechnungsfähigkeit (1790-1840)« geht in einzelnen Beiträgen psychiatrischen Konzepten wie dem »versteckten Wahnsinn« sowie der Frage nach, wie Zustände der Unzurechnungsfähigkeit im Zusammenhang mit Verbrechen historisch behandelt und literarisch verarbeitet wurden. Juristische und gerichtspsychologische Fallgeschichten und Kontroversen (es tauchen etwa die Attentäterin Charlotte Corday und die Serienmörderin Gesche Margarethe Gottfried auf) bilden hier den Rahmen für eine überaus interessante wissenschaftliche Lektüre.

Um Verbrechen, jedoch aus einem aktuelleren und verstärkt bildwissenschaftlichen Kontext heraus, geht es auch in dem neuen Buch von Linda Hentschel. Band 1 von »Schauen und Strafen. Nach 9/11« behandelt die Visualität von Krieg und Terror seit der terroristischen Anschläge in New York 2001 bis zur Tötung Osama Bin Ladens 2011. Die Kunst- und Kulturwissenschaftlerin Linda Hentschel verknüpft in ihrer Studie philosophische Positionen zu Macht, Gewalt und Kritik von Jacques Derrida, Michel Foucault, Judith Butler, Emmanuel Levinas und anderen mit aktuellen Kunst- und Bildtheorien zu Kriegsdarstellungen. In ihrem Buch geht es nicht nur um ethische und ästhetische Erniedrigungen in Bildern, sondern vor allem durch Bilder, sowie um eine Ethik des Visuellen in Diskussionen um politische Handlungsfähigkeit.

Abschließen möchten wir diesen Newsletter mit einem Tipp: Nicht nur für Frankophile lohnt es sich, das Stichwort »Berlin« in die Suchleiste unseres Online-Shops einzugeben. Titel wie Rolf Lindners »Berlin, absolute Stadt«, Johanna Blekers, Marion Hulverscheidts und Petra Lennigs (Hg.) »Visiten. Berliner Impulse zur Entwicklung der modernen Medizin« oder auch Marie Parakenings‘ »Berliner Tiere. Ein kleiner Guide für Naturbanausen und Stadtkinder« bilden einen (passenderweise) überaus vielfältigen Schwerpunkt unseres Verlagsprogramms. Diesen präsentieren wir ab sofort auch in einem neuen »Kadmos‘-Spezialitäten«-Flyer, den Sie hier durchblättern und downloaden können.

Wir wünschen Ihnen, dass all Ihre Lieblingscafés geöffnet bleiben und Sie bei einem guten Buch die Sonne genießen können.

Herzliche Grüße
Ihr Wolfram Burckhardt
und das Team des Kulturverlags Kadmos Berlin
 

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