29. Juli 2019

Urlaub mit Adorno: Bücher für den Sommer

Unser Newsletter im Juli

Während auf dem Berliner Plötzensee die Schwäne ihre Bahnen ziehen (zweimal Brust, dann eine Rücken usw.), das Zitroneneis (oder das Birne-Rosa-Pfeffer-Sorbet) im Waffelhörnchen schmilzt und einem die Wassersprinkler im Tiergarten auf dem Radweg zur Arbeit die morgendliche Dusche ersetzen, läuft die Bücherproduktion bei Kadmos im Hochsommer auf (natürlich) Hochtouren. Ganze acht neue Bücher sind seit unserem letzten Newsletter erschienen. Vermutlich herrscht auch bei Ihnen gerade Ferienstimmung und, ganz gleich wo, wie und ob Sie Urlaub machen, wir finden, dass sich unsere Neuerscheinungen als ideale Lektüre für den Pool, den Balkon oder die Hängematte eignen:

Wer am liebsten allein verreist, aufwendiges Postkartenschreiben als ein Gräuel empfindet und das Umfeld daher erst gar nicht über den eigenen Urlaub in Kenntnis setzt, sei die »Dialektik des Geheimen. Konstellationen, Diagramme und Dossiers« von Florian Hadler empfohlen. Wovon dieses Buch handelt? Nun, wir wollen nicht zu viel verraten. Aber falls Sie die Beziehung zwischen der Ökonomie des Einhorns und monochromatischer Malerei interessiert, sollten Sie unbedingt diesen überaus schönen Band lesen. Er macht das Geheime als Denkzugriff für Kultur und Ästhetik fruchtbar und stellt es als dynamisches Moment von Kultur- und Wissensbildung vor.

All jenen, denen in diesem Sommer ein romantischer Trip zu zweit ins Haus steht, möchten wir die Neuerscheinung »Sergej M. Tret’jakov: Ich will ein Kind!« ans Herz legen. Diese setzt sich aus zwei Büchern zusammen, ist also wie gemacht für den Pärchenurlaub, bei dem die Lektüre nach dem Durchlesen liebevoll getauscht wird. Band eins umfasst Übersetzungen dreier literarischer Texte des sowjetischen Schriftstellers Tret’jakov, der zweite Band vereint Kontextualisierungen der Theaterwissenschaft und Literaturgeschichte. Die Bände wurden von Tatjana Hofmann und Eduard Jan Ditschek herausgegeben und als Edition präsentiert Band eins erstmals das Stück »Ich will ein Kind!« – dessen russisches Manuskript der zweiten Fassung bisher als verschollen galt, welches die Herausgeber jedoch beschaffen konnten – in seinen unterschiedlichen Varianten und im nie realisierten Filmskript.

Einen weiteren geisteswissenschaftlichen »Meilenstein« können wir seit Kurzem in unserem Programm präsentieren: Und zwar den ersten Forschungsband zum Werk von Ernst Kapp, dem Technikphilosophen und Farmer in Texas. Die These, dass sich alles, was der Mensch von sich wissen kann, an den Werkzeugen und Medien ablesen lässt, die er gebraucht, bildet das Zentrum seines Werks. Doch während Kapp unbestritten als Impulsgeber der modernen Technikphilosophie gilt, ist sein anthropologischer Ansatz bislang kaum systematisch rezipiert worden. In »Ernst Kapp und die Anthropologie der Medien« geschieht dies erstmals, und zwar unter der Herausgeberschaft von Harun Maye und Leander Scholz.

Wer als Urlaubsziel vor allem Shoppingmetropolen ansteuert, sollte unbedingt den neuesten Sammelband von Dirk Hohnsträter und Stefan Krankenhagen als Lektüre dabeihaben. In »Konsumkultur. Eine Standortbestimmung« liegt den Beiträgen die These zugrunde, dass der Konsum nur verstanden werden kann, wenn man ihn als ein kulturelles Phänomen auffasst. Das Buch nimmt die drei Kernbereiche Kulturtheorie des Konsums, Kulturgeschichte des Konsumierens und Konsumästhetik in den Blick und verbindet eine interdisziplinäre Standortbestimmung mit der Frage nach künftigen Perspektiven der Konsumkulturforschung. Nachdem Sie dieses Buch gelesen haben, wird jeder Erwerb von französischem Wein, toskanischer Töpferware und gebatikten Strandkleidern eine höchst intellektuelle Angelegenheit sein. Wer möchte das nicht!?

Wem am Badestrand, auf der Berghütte oder während des Road Trips eher nach ernsteren Themen zumute ist, kann sich gleich zwischen zwei Kadmos-Neuheiten entscheiden, die sich mit den Fragen der Erinnerungskultur und des Traumas auseinandersetzen. Alexander Kratochvil beleuchtet in »Posttraumatisches Erzählen. Trauma – Literatur – Erinnerung« tschechische, ukrainische und deutsche Literatur und interpretiert sie im Hinblick auf ihr Potenzial, sich dem Unsagbaren des Traumas zu nähern. Und auch in dem von Magdalena Marszałek und Dominika Herbst herausgegebenen Band »Testimoniale Strategien. Vom Dokumentarismus zwischen den Weltkriegen hin zu medialen Assemblagen der Gegenwart« geht es darum, die Zeugenschaft und das Pradigma des Bezeugens als Mittel zur Fundierung von posttraumatischen Erinnerungskulturen zu erforschen.

Unsere letzte Neuerscheinung richtet sich an all jene, die nach einer langen Phase der alltäglichen Arbeit am grellen Computerbildschirm zum ersten Mal der Großstadt entkommen und inmitten einer abgelegenen Natur wieder in die Ferne gucken. In »Sehstörungen. Grenzwerte des Visuellen in Künsten und Wissenschaften«, herausgegeben von Anne-Kathrin Reulecke und Margarete Vöhringer, werden Fragen nach dem ›richtigen‹ Sehen verhandelt. Die Beiträge des interdisziplinären Bandes zeigen, dass sich das Wissen vom Sehen und vom Auge maßgeblich über deren Grenzen, deren Einschränkung und Trübung konstituiert.

Nach diesen Tipps möchten wir Sie für den Fall, dass Sie Ihren Urlaub zu Hause verbringen, auf ein Buch neugierig machen, das voraussichtlich im Oktober erscheint. Denn man muss keinesfalls in weit entfernte Regionen reisen, um sich über wilde Tiere in Staunen zu versetzen. Glauben Sie nicht? Dann seien Sie gespannt auf die »Berliner Tiere. Ein kleiner Guide für Naturbanausen und Stadtkinder« von Marie Parakenings. Die Gestalterin und Illustratorin stellt darin einige der mehr als 20.000 (!) Wildtierarten vor, die in der Stadt Berlin anzutreffen sind.
In Kürze wird auch der Band über die »Weltaneignung im Miniaturformat«, »Philatelie als Kulturwissenschaft«, herausgegeben von Dirk Naguschewski und Detlev Schöttker, erscheinen.
Des Weiteren »Die Menge der Menschen. Eine Figur der politischen Ökologie«. Das Buch von Leander Scholz erscheint voraussichtlich im August und handelt vom ökonomischen und demografischen Wachstum. Es veranschaulicht, wie sehr diese seit dem Zeitalter der Industrialisierung aneinander gebunden sind.

Zu guter Letzt sei an zwei Termine erinnert: Am 6. August jährt sich zum fünfzigsten Mal der Todestag von Theodor W. Adorno. Anlässlich dieses Datums wird bei Kadmos das Buch »Im Vorraum. Lebenswelten Kritischer Theorie um 1969« erscheinen, herausgegeben von Dennis Göttel und Christina Wessely. Es widmet sich den methodischen Weiterentwicklungen und theoretischen Neupositionierungen, die auf die ›erste Generation‹ der Kritischen Theorie um Adorno folgten, bislang jedoch weitestgehend unberücksichtigt blieben.
Der zweite Termin – und diesen sollten Sie sich unbedingt in den Kalender eintragen – ist der 16.-20. Oktober. In diesem Zeitraum findet die Frankfurter Buchmesse statt, wir werden in Halle 4.1 an Stand E77 anzutreffen sein.

Noch mehr Lesestoff für den Urlaub finden Sie wie immer in unserem Webshop. Kennen Sie z.B. schon Georg Gustav Erbkams Reisebriefe aus Ägypten und Nubien (»Wer hier hundert Augen hätte ...« von Elke Freier)? Oder »Abschalten. Paradiesproduktion, Massentourismus und Globalisierung« von Krystian Woznicki? Gerne erinnern wir auch noch einmal an den Katalogband »CINDERELLA, SINDBAD & SINUHE. Arabisch-deutsche Erzähltraditionen«. Die gleichnamige Ausstellung ist noch bis zum 18. August im Neuen Museum Berlin zu sehen.

Wir wünschen Ihnen schöne Ferien
und verbleiben mit herzlichen Grüßen
Ihr Wolfram Burckhardt
und das Team des Kulturverlags Kadmos Berlin

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